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Was ein wiederkehrender Kunde wirklich wert ist

Eine Kundenbeziehung über fünf Jahre gerechnet ergibt eine Zahl, die fast jede Budgetentscheidung im Marketing in ein anderes Licht rückt.

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In Budgetrunden fällt regelmäßig ein Satz, der wie eine Rechnung klingt und keine ist: „Der Kanal rechnet sich nicht.“ Auf dem Tisch liegen dann zwei Zahlen. Links die Kosten je gewonnenem Kunden, rechts der Umsatz aus dessen erstem Kauf. Beide sind sauber erfasst. Zwischen ihnen fehlt eine dritte, und ohne diese dritte Zahl ist die Entscheidung, die gleich fällt, kaum besser als geraten: Was bringt dieser Kunde ein, wenn er bleibt?

In den meisten Unternehmen mit Wiederkauf existiert diese Zahl nicht. Nicht, weil sie schwer zu ermitteln wäre, sondern weil niemand sie anfordert. Die Buchhaltung bucht Transaktionen. Das Berichtswesen zeigt Monate und Quartale. Eine Kundenbeziehung läuft quer zu beidem, über Jahre hinweg, und erscheint in keiner der beiden Ansichten als Ganzes.

Wer sie einmal ausrechnet, entscheidet danach anders. Nicht aus neuer Begeisterung, sondern weil sich die Vorzeichen ändern.

Die Rechnung, die in keiner Auswertung steht

Die Formel ist unspektakulär: Betrag je Kauf, multipliziert mit der Zahl der Käufe pro Jahr, multipliziert mit den Jahren, die eine Beziehung typischerweise hält. Drei Größen, die jedes Unternehmen entweder kennt oder kurzfristig erheben kann.

Als ich diese Rechnung für Restaurants aufgestellt habe, sah sie so aus: 45 Euro je Besuch, zwei Besuche im Monat, zwölf Monate, fünf Jahre. Macht 5.400 Euro. Das ist der Wert einer einzigen Person, die regelmäßig wiederkommt, gemessen an dem, was sie über die Dauer der Beziehung tatsächlich bezahlt.

Die interessante Eigenschaft dieser Rechnung ist ihre Robustheit gegen Pessimismus. Wer die Annahmen einzeln nach unten korrigiert, landet nicht bei einem kleinen Wert, sondern bei einem etwas kleineren großen:

  • Liegt der Betrag je Kauf bei 30 statt 45 Euro, ergeben sich 3.600 Euro.
  • Liegt er bei 60 Euro, sind es 7.200 Euro.
  • Kommt der Kunde nur einmal statt zweimal im Monat, bleiben 2.700 Euro.
  • Hält die Beziehung nur drei statt fünf Jahre, sind es 3.240 Euro.

In keiner dieser Varianten fällt der Wert unter 2.700 Euro. Selbst die vorsichtigste Annahme ergibt ein Vielfaches dessen, was auf der einzelnen Rechnung steht. Genau dieses Vielfache ist der Betrag, gegen den ein Marketingbudget eigentlich zu prüfen wäre.

Auf der Rechnung steht der Umsatz eines Kaufs. Der Wert des Kunden ist eine andere Größenordnung, und er steht nirgends.

Der Teil, der nie budgetiert wird

Damit ist erst die Hälfte erfasst. 92 Prozent der Menschen vertrauen Empfehlungen aus Familie und Freundeskreis mehr als jedem anderen Kanal. Ein zufriedener Bestandskunde ist deshalb nicht nur ein Umsatzträger, sondern ein Vertriebsweg, der von keinem Mediabudget abhängt und den kein Wettbewerber überbieten kann, weil er nicht käuflich ist.

Dazu kommt eine Beobachtung, die in der Praxis unterschätzt wird: Kunden, die über eine Empfehlung kommen, haben einen um 16 Prozent höheren Lifetime Value als Kunden aus anderen Quellen. Sie kommen bereits mit Vertrauen an, springen seltener ab und empfehlen ihrerseits weiter.

Ich rechne diesen Effekt bewusst nicht in eine Zahl um. Empfehlungsquoten schwanken zu stark zwischen Branchen, als dass eine Multiplikation seriös wäre. Die Richtung ist aber eindeutig, und sie verläuft nach oben: Der ermittelte Wert einer Kundenbeziehung ist eine Untergrenze, keine Obergrenze.

Was ein Abgang tatsächlich kostet

Der Vorgang, der am teuersten ist, ist zugleich der leiseste. 96 Prozent der unzufriedenen Kunden beschweren sich nicht. Sie sagen nichts, sie zahlen, sie gehen. Und 91 Prozent von ihnen kommen nie zurück, unabhängig davon, wie gut die nächste Leistung gewesen wäre. Im Berichtswesen erscheint dieser Vorgang nirgends. Es fehlt kein Betrag, es fehlt eine Wiederholung, und Wiederholungen tauchen in keiner Verlustrechnung auf.

Rechnet man den Ersatz durch, wird die Größenordnung sichtbar. Wenn nur jeder zehnte gewonnene Kunde dauerhaft bleibt, dann trägt ein einzelner Neukunde im Erwartungswert ein Zehntel dessen, was die verlorene Beziehung getragen hat. Es braucht also zehn gewonnene Kunden, um einen einzigen verlorenen auszugleichen. Nicht zehn Kontakte, nicht zehn Anfragen, nicht zehn Angebote. Zehn Kunden, die tatsächlich gekauft haben.

Zehn gewonnene Neukunden, um einen einzigen verlorenen Bestandskunden auszugleichen. Und der Abgang selbst taucht in keiner Auswertung auf.

Diese Ersatzbeschaffung ist zudem die teuerste Variante des Wachstums: Einen neuen Kunden zu gewinnen kostet vier- bis fünfmal mehr, als einen bestehenden zu halten. Wer dauerhaft Abgänge durch Neuzugänge ausgleicht, kauft also die teure Seite derselben Gleichung.

Die Gegenrechnung ist deshalb so ungewöhnlich attraktiv. Bain & Company hat für eine große Zahl von Unternehmen ermittelt, dass eine Verbesserung der Kundenbindung um fünf Prozent den Gewinn um 25 bis 95 Prozent steigert. Fünf Prozent sind keine Transformation. Fünf Prozent sind ein paar Prozesse, die anders laufen als bisher.

Drei Entscheidungen, die danach anders ausfallen

Der Beschwerdefall wird zur Rechenaufgabe. Mehr als 90 Prozent der Kunden, deren Beschwerde sofort und ehrlich gelöst wird, kommen wieder. Die Geste, die einen solchen Fall löst, kostet in der Regel wenige Euro. Auf der anderen Seite der Waage liegt der volle Wert der Beziehung. Wer diese Relation im Kopf hat, diskutiert im Reklamationsfall nicht mehr über den Einzelbetrag, und er stattet seine Mitarbeiter mit der Vollmacht aus, ohne Rückfrage zu entscheiden.

Das Akquisebudget bekommt eine Obergrenze statt eines Sparziels. Auf die Frage, was ein neuer Kunde kosten darf, lautet die übliche Antwort: „möglichst wenig“. Das ist keine Antwort, sondern ein Verzicht auf die Frage. Wer den Wert der Beziehung kennt und weiß, welcher Anteil der Neukunden dauerhaft bleibt, kann eine Zahl nennen. Ab da lässt sich eine Maßnahme bewerten, statt sie am Bauchgefühl zu messen. Manches, was heute als zu teuer gilt, ist dann günstig, und manches Günstige entpuppt sich als Verlustgeschäft.

Eine Preisanpassung wirkt nicht auf einen Kauf, sondern auf alle. Erhöht sich der Betrag je Kauf um zehn Prozent, steigt der Wert der Beziehung im Beispiel oben von 5.400 auf 5.940 Euro. Das sind 540 Euro zusätzlich je Kunde, ohne einen einzigen zusätzlichen Kunden. Dieser Effekt multipliziert sich mit der Zahl der bestehenden Beziehungen und taucht in Preisdiskussionen trotzdem selten auf, weil dort über den einzelnen Artikel gestritten wird und nicht über die Laufzeit.

Als ich das für Restaurants gerechnet habe

Der Betrieb, an dem sich das Prinzip am deutlichsten zeigt, hat 55 Plätze. Das ist wenig. Es begrenzt, wie viele Menschen an einem Abend überhaupt bewirtet werden können, und damit scheinbar auch, wie viel Umsatz möglich ist.

Der Monatsumsatz dieses Betriebs liegt bei rund 40.000 Euro, die Steigerung gegenüber dem Ausgangszustand konstant bei 20 bis 30 Prozent. Konstant ist dabei das Wort, auf das es ankommt: kein guter Monat nach einer Aktion, sondern ein Niveau, das gehalten wird.

Getragen hat das keine größere Fläche und kein höherer Werbedruck. Getragen hat es, dass systematisch erfasst wurde, wer der Gast ist, und dass es einen regelmäßigen, geplanten Anlass gab, ihn wieder anzusprechen. Der Wert kam aus der Tiefe der Beziehung, nicht aus der Größe des Betriebs. Bei 55 Plätzen ist das keine Stilfrage, sondern die einzige verfügbare Wachstumsrichtung.

Ein ehrlicher Hinweis zur Technik, weil die Frage regelmäßig kommt: Die Rechnung selbst braucht kein Sprachmodell, sie braucht eine Tabelle. Wo Software wirklich hilft, ist die Pflege des Bestands, also zu erkennen, welche Kunden seit Monaten nicht mehr gekauft haben, und den Anstoß auszulösen, bevor jemand im Team daran denkt. Das ist gewöhnliche Automatisierung. Sprachmodelle setzen eine Etage höher an, beim Formulieren der Ansprache und beim Auswerten von Freitext aus Rückmeldungen. Sie helfen dort messbar, aber nur, solange ein Mensch das Ergebnis prüft, bevor es hinausgeht.

Was das außerhalb der Gastronomie bedeutet

Kanzleien und beratende Berufe. Ein Mandat läuft selten ein Jahr, sondern häufig über viele Jahre. Der Wert eines gewonnenen Mandanten ist deshalb nicht das erste Honorar, sondern die Summe über die Mandatsdauer, zuzüglich der Empfehlungen, die aus einem zufriedenen Mandat entstehen. Akquisebudgets werden in diesen Häusern trotzdem fast immer gegen das erste Jahr gerechnet. Wer stattdessen gegen die Laufzeit rechnet, kann sich Aufwand leisten, den der Wettbewerb für unwirtschaftlich hält.

Handwerk mit Wartung und Service. Die Erstinstallation ist der sichtbare Auftrag. Der eigentliche Ertrag liegt in Wartung, Nachrüstung und Ersatz über die folgenden Jahre, dazu in der Empfehlung im Ort, die in diesem Gewerbe stärker wirkt als jede Anzeige. Sobald diese Kette in einer Zahl steht, verschiebt sich die Priorität weg von der Auftragsjagd hin zu der Frage, warum ein Teil der Kunden nach der Installation nie wieder anruft.

Fachhandel mit planbarem Nachkauf. Wo ein Produkt in bekanntem Rhythmus ersetzt wird, ist der Rhythmus selbst die Kennzahl. Der Wert der Beziehung ergibt sich aus Kaufbetrag, Ersatzintervall und Verweildauer. Wer den Zeitpunkt kennt, an dem der nächste Bedarf entsteht, braucht keine Rabattschlacht, sondern eine rechtzeitige, sachliche Erinnerung. Das ist einer der wenigen Fälle, in denen der Kunde die Ansprache sogar als Service empfindet.

In allen drei Fällen ist die Aufgabe dieselbe und sie ist unspektakulär: erfassen, wer gekauft hat, messen, wie oft und wie lange, und daraus die Obergrenze für Akquise und den Aufwand für Bindung ableiten. Ohne diese Erfassung bleibt der Wert einer Beziehung eine Vermutung, und Vermutungen lassen sich nicht steuern.

Die eine Zahl vor dem nächsten Budget

Dafür braucht es kein Projekt. Es braucht drei Größen und eine Multiplikation, und die Antwort verändert die Frage, die in der nächsten Budgetrunde gestellt wird. Nicht mehr: Was darf die Kampagne kosten? Sondern: Was ist eine Kundenbeziehung bei uns wert, und welchen Anteil davon geben wir aus, um sie zu gewinnen und zu halten?

Erfahrungsgemäß fällt die Rechnung nicht am Rechenweg schwer, sondern an den Annahmen. Wie lange hält eine Beziehung wirklich? Ab wann gilt ein Kunde als verloren? Wer das für sein Unternehmen belastbar aufstellen will und bei diesen Annahmen unsicher ist: Schreiben Sie mir. Drei Zeilen zu Geschäftsmodell und Wiederkauf genügen für eine erste Einschätzung.

Geschrieben von

Michael Krause

Michael Krause, MarketingMind

Ökonom. Rechnet Marketingbudgets nach. Zehn Jahre Platz 1 bei Google, aufgebaut fürs eigene Geschäft.

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