Marketing-Strategie
Preise erhöhen, ohne Kunden zu verlieren: die Reihenfolge entscheidet
Zehn Prozent zu niedrige Preise verlangen rund dreimal so viel Absatz für denselben Gewinn, und ob Kunden eine Korrektur mittragen, entscheidet sich daran, was vor der Preisliste geändert wurde.
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In den meisten Häusern gibt es dafür einen festen Punkt auf der Tagesordnung. Einmal im Jahr liegt die Preisliste auf dem Tisch, jemand aus dem Vertrieb sagt den Satz, den alle erwarten, nämlich dass man das den Kunden im aktuellen Umfeld nicht zumuten könne, und am Ende steht eine Anpassung, die klein genug ist, um niemanden zu verärgern.
Danach wird das Anschreiben aufgesetzt. Es beginnt fast immer gleich: gestiegene Kosten, veränderte Marktlage, man sehe sich leider gezwungen. Drei Fassungen, zwei Korrekturschleifen, ein Satz über die langjährige Partnerschaft.
Was in dieser Sitzung nie besprochen wird, ist die Frage, an der das Ergebnis hängt: Was hat sich für den Kunden verändert, bevor sich der Preis verändert hat?
Ein Nachlass kostet mehr, als er aussieht
Die verbreitete Annahme lautet, dass Preis und Menge sich im gleichen Verhältnis bewegen. Zehn Prozent weniger Preis, also zehn Prozent mehr Absatz, dann stimmt die Rechnung wieder.
Sie stimmt nicht, und der Grund ist arithmetisch, nicht psychologisch: Der Nachlass wird vom Preis abgezogen, wirken muss er aber gegen den Deckungsbeitrag. Und der ist kleiner als der Preis.
Larry Steinmetz hat den Zusammenhang auf eine Aussage gebracht, die sich in fünf Minuten nachrechnen lässt: Wer zehn Prozent zu niedrig verkauft, muss rund dreimal so viele Einheiten absetzen, um denselben Gewinn zu erreichen.
Die Rechnung dahinter ist unspektakulär. Eine Position kostet im Einkauf 8 Euro und wird für 20 Euro verkauft, der Deckungsbeitrag liegt bei 12 Euro. Nun sinkt der Preis um zehn Prozent auf 18 Euro. Der Deckungsbeitrag liegt bei 10 Euro. Das sind nicht zehn Prozent weniger, sondern siebzehn. Um denselben Ertrag zu erreichen, braucht es zwanzig Prozent mehr Absatz.
Die Kurve wird steiler, je weiter der Preis nachgibt. Fünf Prozent Nachlass kosten acht Prozent Marge und verlangen neun Prozent mehr Menge. Zehn Prozent kosten siebzehn und verlangen zwanzig. Fünfzehn Prozent kosten fünfundzwanzig und verlangen dreiunddreißig. Zwanzig Prozent kosten dreiunddreißig und verlangen fünfzig Prozent mehr Absatz, also die Hälfte mehr Aufträge, mehr Kapazität, mehr Personal, für exakt dasselbe Ergebnis.
Der Effekt gilt in beide Richtungen. Zehn Prozent mehr Preis bei unverändertem Einkauf ergeben siebzehn Prozent mehr Gewinn je Einheit. Ohne zusätzliche Kunden, ohne Kampagne, ohne Vorlaufzeit.
Der Preis ist die einzige Stellschraube, die ohne Vorlaufzeit wirkt. Und die einzige, bei der die Reihenfolge über das Ergebnis entscheidet.
In Geschäften mit geringem variablem Kostenanteil, also in nahezu jeder Dienstleistung, fällt der Effekt noch deutlicher aus, weil beinahe jeder zusätzliche Euro Preis unmittelbar im Ergebnis ankommt. Das ist die eine Hälfte der Sache. Die andere ist der Grund, warum diese Rechnung trotzdem selten jemanden überzeugt.
Der Einwand, der keiner ist
Der Einwand lautet in jeder Branche gleich: Die Kunden halten uns ohnehin schon für teuer.
Das ist keine Einbildung, es ist messbar. In einer Untersuchung von Sherri Kimes aus dem Jahr 2025 gaben 72 Prozent der Gäste an, Restaurants seien „zu teuer“. Ich nenne die Zahl aus der Gastronomie, weil dort mein Beweisfeld liegt und weil dieselbe Untersuchung auch die Auflösung liefert.
Denn gemessen wurde ebenfalls, worauf die Befragten tatsächlich reagieren. Nicht auf den Preis, sondern auf den wahrgenommenen Wert. Kimes beschreibt ihn als Bruch:
wahrgenommener Wert = (Qualität × Service × Atmosphäre × Erlebnis) / Preis
Im Zähler steht ein Produkt, keine Summe. Wer dort mehrere Faktoren zugleich anhebt, verschiebt das Verhältnis stärker, als eine Änderung im Nenner es je könnte. Übersetzt in ein Geschäft ohne Gastraum heißt der Zähler: Ergebnisqualität, Betreuung, Reaktionszeit und die Nachvollziehbarkeit dessen, was geliefert wurde.
Ein Preis ist demnach nie für sich genommen zu hoch. Er ist zu hoch für das, was daneben steht.
Daraus folgt die zweite Beobachtung, und sie ist die unbequemere: Eine Preiserhöhung zu erklären, bringt keinen messbaren Vorteil. Die Begründung richtet die Aufmerksamkeit auf genau die Zahl, die sonst im Zusammenhang gelesen worden wäre. Sie ist außerdem eine Einladung, über die Berechtigung zu diskutieren, statt über die Leistung.
Wer die Erhöhung begründet, lenkt die Aufmerksamkeit auf den Preis. Wer den Wert zeigt, lenkt sie auf alles andere.
Wert, Preis, Kommunikation, in dieser Reihenfolge
Damit liegt die Abfolge fest, und sie hat nur drei Positionen.
Zuerst der Wert. Bevor eine neue Zahl auf dem Papier steht, ändert sich etwas, das der Kunde von selbst bemerkt. Verbindliche Reaktionszeiten. Ein Zwischenstand, bevor jemand danach fragt. Ein Ansprechpartner, der den Vorgang kennt. Eine Übergabe, die dokumentiert ist statt erzählt. Das ist der Teil, der Arbeit macht, und deshalb der Teil, der übersprungen wird.
Dann der Preis. Nicht schleichend, sondern als Entscheidung, und nicht über alle Positionen gleich. Wer pauschal aufschlägt, erhöht am stärksten dort, wo die Marge ohnehin gut war, und am wenigsten dort, wo sie fehlt. Die Positionen mit hohem Absatz und guter Marge tragen mehr, als die Preisliste ihnen zutraut. Die selten bestellten Sonderfälle mit eigener Beschaffung tragen weniger, als sie kosten.
Zuletzt die Kommunikation. Sie folgt der Änderung, sie rechtfertigt sie nicht. Angebot, Website, Datenblatt und Vertragsanhang zeigen dasselbe Niveau. Ein Preis, der an einer Stelle noch der alte ist, ist kein Formfehler, sondern ein Vertrauensproblem.
Für die Größenordnung des zweiten Schritts gibt es einen Messwert. Ab zehn bis dreizehn Prozent Erhöhung auf einmal geht die Nachfrage sichtbar zurück, darunter ist der Effekt kaum messbar. Die übliche Empfehlung lautet deshalb, zwei- bis viermal im Jahr um jeweils weniger als zwei Prozent anzuheben. Das ist der sichere Weg und zugleich der langsame. Wer den ersten Schritt tatsächlich geht, ist an diese Grenze nicht gebunden.
Der Beweis: ein Betrieb, dem die Ausreden fehlten
Als ich dieses Vorgehen für Restaurants aufgebaut habe, war der klarste Fall zugleich der unbequemste. Ein italienisches Restaurant in einer Kleinstadt in Südniedersachsen: 7.000 Einwohner im Einzugsgebiet, keine Laufkundschaft. Jeder Gast musste sich aktiv für den Weg dorthin entscheiden. Ein Betrieb also, bei dem die beliebteste Erklärung für schwache Zahlen, nämlich die Lage, nicht trägt, und bei dem ein Preisfehler nicht durch Frequenz zu heilen ist.
Die Reihenfolge blieb, wie beschrieben. Zuerst wurde das Angebot überarbeitet und das, was Gäste vor Ort erleben. Zwischen diesem Schritt und der Preisänderung lagen mehrere Wochen. Erst danach stiegen die Preise, und zwar nicht um die üblichen zwei Prozent.
Die Zahlen des Betriebs: Die Preise stiegen um 100 Prozent. Der Gewinn stieg um 300 Prozent. Der durchschnittliche Bon wuchs von 13 Euro auf 29,40 Euro, ein Plus von 127 Prozent. Widerstand der Gäste: keiner. Die Arbeitszeit des Inhabers halbierte sich.
Der letzte Punkt ist der, den ich für den wichtigsten halte. Wer seinen Ertrag über die Menge holt, braucht mehr Stunden, sobald er wächst. Wer ihn über den Preis holt, braucht weniger.
Eine Einordnung gehört dazu, weil sie sonst jemand anders vornimmt: Das sind Praxiswerte aus einer Beratung, keine Zusage. Was möglich ist, hängt an Standort, Konzept und daran, wie ernst der erste Schritt genommen wird. Wer die Reihenfolge umdreht und mit dem Preis beginnt, bekommt diese Zahlen nicht. Er bekommt die Diskussion.
Was das außerhalb der Gastronomie bedeutet
Der Mechanismus ist nicht gastronomisch. Er greift überall dort, wo ein Preis für eine Leistung steht, die der Kunde vor dem Kauf nicht vollständig prüfen kann.
In der professionellen Dienstleistung, also in Beratung, Kanzlei und Agentur, liegt der Zähler fast vollständig in der Wahrnehmung: Erreichbarkeit, Verbindlichkeit, die Frage, ob ein Zwischenstand kommt, bevor jemand ihn anmahnt. Wer den Tagessatz anhebt, ohne dass sich davor etwas verändert hat, verhandelt ab diesem Tag über den Satz. Wer die Zusammenarbeit zuerst sichtbar macht und dann anhebt, verhandelt über den Umfang. Das ist derselbe Vorgang mit einem anderen Gegenstand.
Bei Software-Anbietern zeigt sich der Fehler in der Preisliste. Alle Stufen werden gleichmäßig angehoben, weil das gerecht wirkt. Das Ergebnis: Der Einstieg wird teurer für Kunden, die ohnehin nur testen, und die oberste Stufe bleibt unter Wert, obwohl dort die Betreuung liegt, die tatsächlich Geld kostet. Differenzieren heißt hier, je Stufe zuerst den Wert zu belegen, etwa durch Einrichtung, Schulung und benannte Ansprechpartner, und dann jede Stufe einzeln zu bewerten.
Im spezialisierten Fachbetrieb, in Handwerk, Instandhaltung und technischem Handel, ist der Zähler am greifbarsten und wird am seltensten genutzt. Reaktionszeit, Dokumentation, ein Techniker, der die Anlage kennt, ohne das Protokoll zu lesen. Betriebe mit dieser Substanz rechnen sie fast nie in den Preis ein, weil sie sie für selbstverständlich halten. Der Kunde hält sie nicht für selbstverständlich, sobald er sie einmal woanders vermisst hat.
Der Anfang ist eine Rechnung, keine Entscheidung
Bevor über eine Erhöhung entschieden wird, lohnt sich eine Rechnung, die eine halbe Stunde dauert. Nehmen Sie Ihre drei umsatzstärksten Positionen, ziehen Sie die variablen Kosten ab und prüfen Sie zweierlei: was ein Nachlass von zehn Prozent Ihren Deckungsbeitrag kostet, und wie viel zusätzlichen Absatz er verlangt. Das Ergebnis ist meistens unangenehm und immer brauchbar.
Die zweite Frage ist die schwerere: Was hat sich für Ihre Kunden im vergangenen Jahr verändert, das diese selbst benennen könnten? Fällt die Antwort schwer, liegt dort die Arbeit. Nicht in der Preisliste.
Wenn Sie beides an einem konkreten Fall durchgehen wollen: Schreiben Sie mir. Ein Satz zur Ausgangslage reicht.
Geschrieben von
Michael Krause
Michael Krause, MarketingMind
Ökonom. Rechnet Marketingbudgets nach. Zehn Jahre Platz 1 bei Google, aufgebaut fürs eigene Geschäft.
