Fallstudien
Der Verteiler, der Ihnen gehört: warum eine eigene Kontaktbasis ein Vermögenswert ist
Ein Betrieb war vollständig geschlossen und setzte 17.500 € um, weil er 1.700 Menschen ohne Umweg über eine fremde Plattform erreichen konnte.
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Der Anruf kommt an einem gewöhnlichen Dienstagvormittag. Der Kanal, über den seit Jahren die Anfragen hereinkommen, liefert nicht mehr. Keine Störung, keine Sperre, keine Erklärung, die sich intern weitergeben ließe. Die Sichtbarkeit ist weg, die Zahlen sind es auch, und am anderen Ende der Leitung spricht jemand von einer Anpassung und bittet um Geduld.
Die interessante Frage richtet sich in diesem Moment nicht an den Anbieter. Sie richtet sich an das eigene Unternehmen: Wen können Sie heute erreichen, ohne bei irgendjemandem um Zugang zu bitten? Nicht theoretisch, nicht „unsere Kunden“ im Allgemeinen. Namentlich, mit einer Nachricht, die tatsächlich ankommt.
Die Antwort fällt fast immer kleiner aus als erwartet. Es gibt Daten, aber sie liegen in drei Systemen. Es gibt Rechnungsadressen, aber keine Einwilligung. Es gibt eine Liste, und niemand weiß genau, wann sie zuletzt gepflegt wurde. Reichweite war jahrelang etwas, das man einkauft. Der Gedanke, sie zu besitzen, kam nie auf, weil sie nie gefehlt hat.
Gemietete und eigene Reichweite sind nicht dasselbe Gut
Jeder Zuflusskanal gehört in eine von zwei Kategorien. In der ersten bezahlen Sie für den Zugang zu fremden Kundenbeziehungen: Plattformen, Portale, Marktplätze, Anzeigen, Vermittler. In der zweiten besitzen Sie die Beziehung selbst.
Beides funktioniert, und beides gehört in einen gesunden Vertriebsmix. Der Unterschied wird im laufenden Betrieb nicht sichtbar. Er wird an drei Stellen sichtbar.
Erstens beim Zugang. Wer den Zugang stellt, bestimmt Bedingungen, Preise und Reihenfolge, und kann alles drei ändern, ohne vorher zu fragen. Das ist kein Vorwurf an die Plattformen, das ist ihr Geschäftsmodell. Es bedeutet nur: Ein Teil Ihrer Umsatzplanung beruht auf einer Entscheidung, die jemand anderes trifft, zu einem Zeitpunkt, den Sie nicht kennen.
Zweitens bei der Ökonomie. Die Abschlussquote bei Bestandskunden liegt bei 60 bis 70 %, bei Neukunden bei 5 bis 20 %. Einen neuen Kunden zu gewinnen kostet das Fünf- bis Siebenfache dessen, was es kostet, einen bestehenden zu halten. Die Vermarktung an die eigene Liste ist 16-mal profitabler als die Ansprache von Unbekannten, und E-Mail liegt beim Rückfluss bei 3.600 bis 4.200 %, also 38 bis 42 € Umsatz je investiertem Euro. Das ist kein Kanalvorteil im Detail, das ist ein Größenunterschied.
Drittens beim Unternehmenswert. Immaterielle Vermögenswerte machen heute rund 90 % des Unternehmenswertes aus, branchenübergreifend. Kundenbeziehungen sind davon im Durchschnitt 18 %. Ein Käufer bezahlt keine Einrichtung, er bezahlt planbare Umsätze. Eine gepflegte Kontaktbasis mit nachweisbaren Rücklaufquoten ist der einzige Teil des Marketings, der sich in dieser Rechnung überhaupt abbilden lässt. Alles andere, was Sie im letzten Jahr an Reichweite eingekauft haben, steht in der Kostenaufstellung und nirgendwo sonst.
Gemietete Reichweite ist eine Ausgabe. Eigene Reichweite ist ein Bestand, der beim Verkauf mitbezahlt wird.
Der Beweis: ein geschlossener Betrieb, 1.700 Kontakte, 17.500 €
Als ich diese Systeme für Restaurants baute, stand die Kontaktbasis immer am Anfang. Vor der Speisekarte, vor der Preisstruktur, vor jeder einzelnen Kampagne. Begründen ließ sich diese Reihenfolge lange nur als Rechnung. Dann kam ein Fall, der sie innerhalb einer Woche belegte.
Eine Betreiberin, deren Betrieb ich über Jahre begleitet habe, hatte zu diesem Zeitpunkt 1.700 Kontakte erfasst, rund 75 % davon mit E-Mail-Adresse. Gesammelt nicht in einer Aktion, sondern über Jahre, Tisch für Tisch, mit einer dokumentierten Einwilligung je Eintrag.
Dann musste der Betrieb schließen. Vollständig, und nicht für ein Wochenende. Kein Publikum vor Ort, kein Umsatz über die Theke, kein Kanal, über den sich das kurzfristig auffangen ließ.
Was blieb, war die Liste. Die Ansprache der eigenen Kontakte mit einem Gutscheinangebot brachte 17.500 € Umsatz, während die Türen geschlossen waren. Ohne Werbebudget davor, ohne Verhandlung mit einer Plattform, ohne Wartezeit auf eine Freigabe.
Die 17.500 € entstanden nicht in der Woche der Schließung. Sie entstanden in den Jahren davor, Kontakt für Kontakt.
Das ist der eigentliche Punkt an diesem Fall. Die Kampagne selbst war handwerklich unspektakulär. Der Vermögenswert war zu diesem Zeitpunkt längst vorhanden, die Krise hat ihn nur sichtbar gemacht. Ein Betrieb ohne diesen Bestand hatte in derselben Lage genau eine Option: warten.
Der Einwand, der an dieser Stelle regelmäßig kommt, lautet: Dafür ist es jetzt zu spät. Er stimmt selten. Eine andere Klientin hat 680 Kontakte in zwei Monaten aufgebaut, von null. Entscheidend war kein Werkzeug, sondern dass die Erfassung Teil eines Ablaufs wurde, den das Team ohnehin jeden Tag durchläuft, statt eine Zusatzaufgabe zu bleiben.
Ab rund 1.200 Kontakten kippt die Qualität des Kanals. Darunter erzeugt eine Aussendung Einzelergebnisse, die sich schwer wiederholen lassen. Darüber entsteht ein Kanal, den man in eine Jahresplanung schreiben kann, weil die Rücklaufquoten anfangen, stabil zu werden. Die konkrete Zahl gilt für einen Gastronomiebetrieb. Das Prinzip dahinter gilt überall: Jeder Kanal braucht ein Mindestvolumen, bevor er Planbarkeit liefert statt Anekdoten.
Die Rechnung dahinter ist unbequem. In der Gastronomie, für die ich sie über Jahre aufgestellt habe, verschwinden 78,8 % der Gäste innerhalb eines Jahres. 8 % erreichen Stammkundenstatus, und diese 8 % erzeugen rund 40 % des Umsatzes; je Besuch geben sie 67 % mehr aus als Erstbesucher. Wer diese Menschen nicht erreichen kann, verliert sie nicht durch einen Fehler. Er verliert sie durch Abwesenheit.
Eine Liste ist noch keine Kontaktbasis
Zwischen einer Sammlung von E-Mail-Adressen und einer Kontaktbasis liegt der Unterschied, wie viele Ansprachen überhaupt möglich sind.
Mit Name und E-Mail lässt sich genau eine Sache tun: allen dasselbe schicken. Erst die weiteren Felder schalten Anlässe frei. Ohne den Zeitpunkt der letzten Interaktion gibt es keine Reaktivierung, weil niemand erkennt, wer gerade dabei ist zu gehen. Ohne Präferenzen gibt es keine Segmentierung, die den Namen verdient. Ohne dokumentierte Einwilligung gibt es gar nichts.
Hier liegt auch die ehrliche Grenze der Automatisierung. Automatisierte, durch ein Ereignis ausgelöste Nachrichten machen rund 2 % des Versandvolumens aus und erzeugen 30 % des E-Mail-Umsatzes. Das ist der stärkste Hebel im ganzen Kanal, und er hängt an einer Bedingung: Das auslösende Ereignis muss in den Daten stehen.
Ein Sprachmodell kann Texte formulieren, Segmente vorschlagen, Datensätze zusammenführen und Dubletten auflösen. Es kann keinen Anlass erfinden, der nie erfasst wurde. Wo die Datenbasis fehlt, verschiebt Automatisierung den Aufwand, statt ihn zu senken. Das ist der Grund, warum solche Projekte selten am Werkzeug scheitern.
Derselbe Mechanismus außerhalb der Gastronomie
Der Mechanismus ist nicht gastronomisch. Er greift überall dort, wo ein Kunde mehr als einmal kauft.
Hersteller und Fachhändler mit Marktplatzanteil. Der Marktplatz besitzt die Beziehung, Sie kennen eine Bestellnummer. Jede ausgelieferte Sendung ist der letzte Moment, in dem sich die Beziehung aus der Plattform herausholen lässt: Produktregistrierung, verlängerte Gewährleistung, Zugang zu Anleitungen und Ersatzteilen. Der Anlass muss aus Sicht des Käufers einen Wert haben. Ein Aufruf, den Newsletter zu abonnieren, hat keinen.
B2B-Dienstleister mit Vertrieb über Portale, Ausschreibungen und Empfehlungen. Das Netzwerk existiert hier meist bereits, aber es liegt in zwei Köpfen und in einem Mail-Postfach. Was fehlt, ist der gepflegte Bestand: wer wann zuletzt in Kontakt war, wer den Arbeitgeber gewechselt hat, wer im laufenden Jahr überhaupt entscheidet. Ein Verteiler mit wenigen hundert richtigen Namen ist in diesem Geschäft mehr wert als eine fünfstellige Liste ohne Kontext.
Kanzleien, Praxen und lokale Dienstleister mit Portalen als Hauptzufluss. Das Portal bestimmt die Reihenfolge, Sie liefern die Leistung und zahlen je Anfrage. Der eigene Verteiler ist der einzige Kanal in diesem Modell, dessen Reihenfolge Sie selbst festlegen, und zugleich der einzige, der nicht teurer wird, wenn der Wettbewerb im Portal zunimmt.
Was ein eigener Verteiler kostet
Er ist kein Selbstläufer, und die Nachteile gehören zur Rechnung.
Er verfällt, wenn er nicht bespielt wird. Er braucht einen Grund, der aus Sicht des Empfängers besteht und nicht aus Ihrer. Er verlangt eine saubere, dokumentierte Einwilligung, was in der Praxis heißt: Das Erfassen wird Teil eines Ablaufs, den Mitarbeiter täglich ausführen. Genau daran scheitert es meistens, nicht an der Technik und nicht am Datenschutz.
Und er wirkt langsam. Der Wert entsteht über Jahre, der Bedarf tritt an einem einzigen Tag auf. Das ist eine unangenehme Kombination, weil sie sich in keinem Quartalsbericht rechtfertigen lässt. Sie rechtfertigt sich an dem Dienstagvormittag, an dem der eingekaufte Kanal aufhört zu liefern.
Die Prüfung, die einen Nachmittag dauert
Drei Fragen genügen, und die Antworten stehen in vorhandenen Systemen.
Wie viele Menschen können Sie heute direkt erreichen, mit dokumentierter Einwilligung? Was wissen Sie über diese Menschen außer der Rechnungsadresse? Und wann wurde diese Gruppe zuletzt angesprochen, ohne dass etwas verkauft werden sollte?
Die drei Antworten zusammen sind die ehrlichste verfügbare Kennzahl für die Unabhängigkeit eines Geschäftsmodells. Sie sagen mehr über die Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens aus als jede Wachstumsprognose, weil sie sich nicht schönrechnen lassen.
Wenn Sie diese Rechnung für Ihr Unternehmen aufmachen und daraus ein belastbares System bauen wollen, schreiben Sie mir.
Geschrieben von
Michael Krause
Michael Krause, MarketingMind
Ökonom. Rechnet Marketingbudgets nach. Zehn Jahre Platz 1 bei Google, aufgebaut fürs eigene Geschäft.
